Panikattacken aus dem Nichts? Was wirklich dahinterstecken kann.
„Ich habe solche Angst. Seit Tagen habe ich Panikattacken. Ich kann kaum noch aus dem Haus. Ich weiß nicht, warum. Du bist meine letzte Chance.“
Vor mir sitzt eine Frau Anfang 40. Völlig aufgelöst, zitternd, mit Schweißperlen auf der Stirn. Man sieht ihr an, dass sie seit Tagen kaum geschlafen hat.
Woher kommt diese überwältigende Angst? Warum gerade jetzt?
Was sich im Laufe unserer gemeinsamen systemischen Arbeit zeigen sollte, war eine zutiefst berührende Geschichte.
Ich erzähle sie mit ausdrücklicher Erlaubnis meiner Klientin
Wenn die Angst plötzlich das Leben bestimmt
Die Frau, die mir gegenübersaß, war Anfang 40. Ihre Panikattacken waren erst wenige Tage zuvor aufgetreten – scheinbar völlig aus dem Nichts.
Sie konnte kaum noch schlafen, traute sich fast nicht mehr aus dem Haus und verstand selbst nicht, was mit ihr geschah.
Als systemische Familienaufstellerin wollte ich gemeinsam mit ihr herausfinden, welche persönliche Geschichte möglicherweise hinter diesen überwältigenden Ängsten steckte.
Ich stellte eine Figur für sie auf mein Aufstellungsbrett und legte einen großen Stein dazu – als Symbol für ihre Angst.
Dann stellte ich eine Frage:
„Wie alt ist diese Angst? Wo kommt sie ursprünglich her?“
Was sich daraufhin zeigte, führte uns zurück zu einem traumatischen Erlebnis aus ihrer Kindheit.
Ein fünfter Geburtstag, der alles veränderte
Während unserer Aufstellungsarbeit tauchte vor meinem inneren Auge plötzlich das Bild eines etwa fünfjährigen Mädchens auf.
Ich teilte meiner Klientin diese Wahrnehmung mit.
Ihre Reaktion war unmittelbar. Sie brach in Tränen aus und sagte:
„Meine Tochter wird nächste Woche fünf!“
Ich fragte sie behutsam:
„Was geschah, als Du fünf Jahre alt wurdest?“
Was sie mir daraufhin erzählte, war zutiefst bewegend.
Meine Klientin hatte eine Zwillingsschwester und verbrachte damals mit ihrer Familie einen Urlaub auf den Kanarischen Inseln.
Dort geschah das Unfassbare: Ihre Zwillingsschwester ertrank im Kinderpool. Genau an dem Tag, an dem beide ihren fünften Geburtstag feierten.
Ein traumatischer Verlust, der ihr Leben – und das ihrer Familie – für immer veränderte.
Als Kind hatte sie therapeutische Unterstützung erhalten. Auch als junge Erwachsene hatte sie sich noch einmal psychotherapeutisch mit diesem Verlust auseinandergesetzt.
Sie hatte das Gefühl, das Erlebte inzwischen weitgehend verarbeitet zu haben.
Doch nun stand der fünfte Geburtstag ihrer eigenen Tochter unmittelbar bevor.
Und plötzlich waren diese überwältigenden Ängste da.
Die mögliche Verbindung wurde sichtbar:
Als sie selbst fünf Jahre alt wurde, starb ihre Zwillingsschwester.
Meine Klientin erkannte, dass dieser bevorstehende Geburtstag unbewusst Erinnerungen und alte Verlustängste aktiviert hatte.
Nicht, weil ihrer Tochter tatsächlich etwas Schlimmes bevorstand, sondern weil sich die Vergangenheit für meine Klientin emotional wieder bedrohlich nah anfühlte.
Warum das Alter unserer Kinder alte Erinnerungen wachrufen kann
Manchmal erleben wir plötzlich Ängste, starke emotionale Reaktionen oder innere Unruhe, für die wir zunächst keine Erklärung finden.
Ein möglicher Auslöser können bestimmte Lebensphasen unserer Kinder sein.
Denn wenn unsere Kinder ein Alter erreichen, in dem wir selbst etwas besonders Belastendes erlebt haben, können alte Erinnerungen und Gefühle wieder aktiviert werden.
In der Psychologie spricht man bei vergleichbaren Vorgängen auch von Erinnerungsreaktionen oder Jahrestagsreaktionen. Bestimmte Daten, Lebensereignisse oder Ähnlichkeiten mit früheren Erfahrungen können emotionale Reaktionen auslösen, ohne dass wir den Zusammenhang sofort erkennen.
In meiner systemischen Arbeit schaue ich deshalb immer auch mit darauf, was ein Mensch selbst in dem Alter erlebt hat, in dem sich seine Kinder gerade befinden.
Vielleicht magst Du dir einmal folgende Fragen stellen:
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Wie alt ist mein Kind gerade?
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Was habe ich selbst in diesem Alter erlebt?
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Gab es damals einschneidende Veränderungen, Verluste oder besonders belastende Situationen?
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Welche schönen oder schmerzhaften Erinnerungen verbinde ich mit dieser Lebensphase?
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Könnte etwas davon mit meinen heutigen Gefühlen zusammenhängen?
Nicht immer finden wir sofort Antworten.
Manchmal helfen alte Fotoalben, Gespräche mit Eltern oder Geschwistern oder Erinnerungen, die lange nicht mehr präsent waren.
Wichtig ist dabei: Nicht jede plötzlich auftretende Angst hat ihren Ursprung in der Kindheit. Panikattacken können unterschiedliche psychische und körperliche Ursachen haben und sollten insbesondere bei erstmaligem Auftreten fachlich abgeklärt werden.
Doch manchmal lohnt sich neben dieser Abklärung auch ein behutsamer Blick auf unsere persönliche Geschichte.
Wenn das Unsichtbare einen Platz bekommt
Im weiteren Verlauf unserer Aufstellung nahm ich drei Figuren auf das Brett:
Eine für meine Klientin als fünfjähriges Mädchen.
Eine für ihre verstorbene Zwillingsschwester.
Und eine für ihre eigene Tochter, die kurz vor ihrem fünften Geburtstag stand.
So konnten wir die drei Kinder und ihre unterschiedlichen Schicksale symbolisch miteinander in Beziehung setzen.
Wir gaben den Gefühlen Raum, die mit dem damaligen Verlust verbunden waren, und ließen die Figuren in einen symbolischen Dialog treten.
Dabei ging es nicht darum, die Vergangenheit ungeschehen zu machen oder den Schmerz über den Tod ihrer Schwester auszulöschen.
Es ging darum, das damalige traumatische Erlebnis und die gegenwärtige Situation ihrer Tochter bewusster voneinander unterscheiden zu können.
Ihre Tochter war nicht ihre verstorbene Schwester. Und der fünfte Geburtstag ihrer Tochter musste keine Wiederholung ihrer eigenen Geschichte bedeuten.
Indem wir die inneren Bilder und Gefühle mithilfe der Figuren nach außen brachten, entstand die Möglichkeit, mit etwas Abstand auf das Erlebte zu schauen.
Genau das schätze ich an der systemischen Aufstellungsarbeit: Sie kann helfen, innere Zusammenhänge anschaulich zu machen, neue Perspektiven einzunehmen und belastende Gefühle bewusster wahrzunehmen.
Was sich dadurch langfristig verändert, ist individuell verschieden. Eine Aufstellung ersetzt keine Traumatherapie oder Behandlung von Panikattacken.
Was stimmt mit mir nicht – oder was geschieht gerade in mir?
Wenn uns plötzlich Ängste überwältigen oder wir ungewöhnlich heftig auf bestimmte Situationen reagieren, begegnen wir häufig Unverständnis.
Vielleicht hören wir von anderen:
„Du übertreibst völlig!“
„Das ist doch überhaupt nicht schlimm!“
Oder sogar:
„Was stimmt denn nicht mit dir?“
Doch genau diese letzte Frage möchte ich dir heute aus einer anderen Perspektive mitgeben.
Frage dich nicht: „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern: „Was geschieht gerade in mir?“
Was wird möglicherweise durch die aktuelle Situation berührt?
Welche Gefühle kenne ich vielleicht schon aus einer früheren Lebensphase?
Und gibt es einen Zusammenhang zwischen dem, was ich heute erlebe, und meiner persönlichen oder familiären Geschichte?
Manchmal liegt hinter einer scheinbar unerklärlichen Reaktion eine Geschichte, die wir längst hinter uns gelassen glaubten.
Es geht nicht darum, krampfhaft nach einem Trauma zu suchen oder jede Angst auf ein Ereignis aus der Kindheit zurückzuführen.
Es geht darum, neugierig auf uns selbst zu werden und unsere Gefühle nicht vorschnell zu verurteilen.
Denn nicht alles, was wir heute fühlen, muss ausschließlich mit dem zu tun haben, was heute geschieht.
Familienaufstellungen – Zusammenhänge erkennen und neue Perspektiven gewinnen
Und jetzt lade ich Dich ein, einmal auf Deine eigene Geschichte zu schauen:
Hast Du schon einmal erlebt, dass eine bestimmte Lebensphase Deines Kindes Erinnerungen oder Gefühle aus Deiner eigenen Kindheit wachgerufen hat?
Vielleicht entdeckst Du dabei einen Zusammenhang, der Dir bisher nicht bewusst war.
Wenn Du solche Zusammenhänge gemeinsam mit mir anschauen möchtest, begleite ich Dich gerne im Rahmen einer systemischen Einzelaufstellung – sowohl persönlich in meiner Praxis auf Mallorca als auch online.
Herzlichst
Miriam Völling